Ein Thema, das sowohl mit Ernährung als auch mit Krankheiten zu tun hat, sind Mangel- und Fehlernährungen.
Auf dieser Seite finden sich Erläuterungen zu stoffwechselbedingten Knochenerkrankungen, deren Symptome, Ursachen, Informationen zu wichtigen Inhaltsstoffen der Nahrung und deren Bedeutung, zum Calciumstoffwechsel, zu nahrungsbedingten Störungen dieses Stoffwechsels und abschließend geben wir einige Empfehlungen zur Fütterung, um diese Mangelerscheinungen zu verhindern.
Metabolic Bone Disease
Der Begriff des "Metabolic Bone Disease" (im weiteren Text vereinfacht als "MBD" abgekürzt) kann in etwa als "Stoffwechselbedingte Knochenerkrankung" übersetzt werden. Es handelt sich dabei nicht um eine einzelne Erkrankung, sondern um einen Sammelbegriff für mehrere Erkrankungen, die ihre Ursache in einem unausgewogenen Verhältnis von Calcium, Phosphor und Vitamin D3 in der aufgenommenen Nahrung haben oder im Zusammenhang mit der Aufnahme anderer Substanzen stehen, die die Aufnahme, Absorption, Ausscheidung oder Verwertung der erstgenannten stören (z. B. fettlösliche Vitamine, Mineralien). Die Abgrenzung zu anderen Stoffwechselerkrankungen ist nicht ganz einfach und wird in der derzeit verfügbaren Fachliteratur auch unterschiedlich vorgenommen. Grundsätzlich können die Auswirkungen so zusammengefasst werden, dass entweder zu wenig Calcium aufgenommen und verwertet werden kann oder dass sogar Calcium aus den Knochen ausgelöst wird, um es für andere Vorgänge zur Verfügung zu stellen.
MBD wurde bereits 1950 beim Krallenfrosch X. laevis beschrieben, nachgewiesen und dokumentiert sind weiterhin Fälle bei verschiedenen Fröschen (R. catesbeiana, P. adspersus, C. ornata, L. pentadactylus, L. infrafrenata, H. andersoni), Kröten, beim Axolotl (A. mexicanum) und Erdwühlen (D. mexicanus). [1]
Symptome
Die Symptome für MBD-Erkrankungen können vielfältig sein und sind für den Laien nicht immer einfach von anderen Erkrankungen zu unterscheiden. Anzeichen für eine mögliche
Erkrankung sind [1], [5]:
- Verformungen des Unterkiefers (offen stehendes Maul, "lachende" Axolotl)
- abnorme Haltung mit abgespreizten Gliedmaßen
- Verkrümmung der Wirbelsäule
- Bewegungsunwillen
- Knochenfrakturen
- Muskelkrämpfe, Zuckungen, Zittern
- "Wassersucht", aufgedunsener Körper, Ödeme
- Darm- und Kloakenvorfälle
Die folgenden zwei Abbildungen zeigen einen Axolotl, der eine Verformung des Unterkiefers aufweist, die wahrscheinlich durch eine Fehlernährung in den ersten Jahren zustande kam. Auf dem linken Bild ist das Tier allein abgebildet, das rechte Bild zeigt es im Vergleich zu einem gesund ernährten und entwickelten Tier.



Ein eindeutiger Nachweis kann nur mit Hilfe von Röntgenbildern erfolgen, hierbei wird meist eine verringerte Knochendichte erkennbar. Ein Gang zum Tierarzt ist in diesen Fällen also unumgänglich.
Die nebenstehende Abbildung zeigt ein normal
entwickeltes und mineralisiertes Axolotlskelett im Röntgenbild. Der hohe Kontrast zwischen den Knochen und dem umliegenden Gewebe zeigt die vorbildliche Ernährung des Tieres.
Gerade bei Axolotl und anderen wasserlebenden Amphibien treten einige der beschriebenen Symptome erst sehr spät auf, da zum Beispiel Knochenverformungen und Brüche dadurch verhindert oder unwahrscheinlich werden, dass die Tiere durch den Auftrieb im Wasser nicht ihr komplettes Körpergewicht selbst tragen müssen.
Ursachen für MBD
MBD hat seine Ursachen in einer falschen oder fehlerhaften Ernährung. Hierunter fallen nicht nur Futtertiere oder -mittel, die zu wenig von bestimmten Inhaltsstoffen enthalten, sondern möglicherweise auch, wenn ein Zuviel oder ein falsches Verhältnis der wichtigsten Stoffe vorhanden ist.
Um diese Zusammenhänge zu erklären, wollen wir zunächst auf die entsprechenden Inhaltsstoffe und deren Bedeutung für den Stoffwechsel eingehen und im Anschluss Probleme aufzeigen, die bei bestimmten Futtersorten auftreten können.
Inhaltsstoffe der Nahrung und ihre Bedeutung
Folgende Inhaltsstoffe der Nahrung sind bedeutsam im Zusammenhang mit MBD:
- Calcium: Calcium (Ca) ist ein lebensnotwendiger Mineralstoff, der sich im Normalfall zu ca. 99% im Knochenskelett gebunden im Körper befindet. Das restliche 1% ist in anderen Körpergeweben und in Körperflüssigkeiten vorhanden. Im Skelett übt Calcium eine Stützfunktion aus, wichtig ist es unter anderem auch für die Muskelkontraktion, den Sehvorgang und die Zellteilung. Für diese Vorgänge ist frei verfügbares Calcium zwingend notwendig und dessen Konzentration wird durch Stoffwechselvorgänge weitgehend konstant gehalten. [8]
- Phosphor: Phosphor (Po) ist im Zusammenhang mit Calcium ein wichtiger Baustein beim Knochenaufbau und spielt unter anderem bei der Säure-Basen-Regulation und dem Energiestoffwechsel eine Rolle. [Link]
- Vitamin D*: Die wichtigste Form von Vitamin D ist Vitamin D3. Bei den meisten Tieren kann das mit Hilfe von UVB-Strahlung im Körper hergestellt werden. Da Amphibien allgemein jedoch nur einer geringen bis gar keiner UV-Strahlung ausgesetzt sind, müssen sie Vitamin D3 direkt über die Nahrung aufnehmen.
D3 erfüllt verschiedene Funktionen im Körper. Es hält die Level von Calcium und Phosphat im Blut aufrecht, sorgt damit (indirekt) für die Mineralisierung und Demineralisierung von Knochen, reguliert die Calcium- und Phosphataufnahme im Dünndarm und spielt eine Rolle bei einigen Zelldifferenzierungsvorgängen. Vitamin D ist fettlöslich und kann sich bei einem Überangebot im Körper ansammeln.
- Vitamin A: Vitamin A besitzt wichtige Funktionen für den Sehvorgang sowie für das Zellwachstum und die Zelldifferenzierung. Bei Amphibien ist es essentiell wichtig bei Regenerationsvorgängen. Auch Vitamin A gehört zu den fettlöslichen Vitaminen und kann bei einem Überangebot im Körper angereichert werden (speziell in der Leber).
Der Calciumstoffwechsel und Wechselwirkungen der einzelnen Komponenten
Gerade bei der Fütterung (und Ernährung allgemein) darf nicht die Maxime gelten "Viel hilft viel!" - weder bei der Futtermenge, noch bei der Menge an Vitaminen und Mineralstoffen. Vielmehr muss hier das Zusammenwirken und auch die Wechselwirkungen der einzelnen Komponenten beachtet werden.

Bei einer idealen Ernährung läuft der Calciumstoffwechsel wie folgt ab:
- Calcium und Phosphor werden über die Nahrung aufgenommen.
- Ca und Po werden mit Hilfe des aktivierten Vit. D3 im Dünndarm absorbiert.
- Über das Blut werden diese Mineralien für die normalen Muskel- und Nervenfunktionen zur Verfügung gestellt und in den Knochen eingelagert.
- Überschüssiges Calcium wird über den Verdauungstrakt ausgeschieden.
Gestört ist dieser Ablauf, wenn das lebensnotwendige Calciumlevel im Blut zu niedrig ist. Dieses Calciumlevel wird durch mehrere Hormone aufrecht erhalten. Sinkt es unter einen bestimmten Wert, wird es dadurch wieder auf ein Normallevel gebracht, dass in Knochen gebundenes Calcium aus diesen ausgelöst wird. Somit wird die Normalfunktion der Nerven und Muskeln sicher gestellt, gleichzeitig wird jedoch der Calciumgehalt der Knochen verringert. Sind auch diese Reserven aufgebraucht, kommt es zu Bewegungsstörungen. [4]
Nahrungsbedingte Störungen
Eine Störung des Blutcalciumlevels tritt auf, wenn entweder zu wenig Calcium in der Nahrung vorhanden ist oder es aus folgenden Gründen im Dünndarm nicht ausreichend absorbiert werden kann:
- Überschuss an Phosphor in der Nahrung / falsches Ca:Po - Verhältnis

Bei einem ausreichenden Vorhandensein von Calcium in der Nahrung kann dessen Aufnahme in ausreichender Menge gestört sein, wenn der Anteil an Phosphor in der aufgenommenen Nahrung zu hoch ist. Die empfohlenen Werte für ein ausreichendes Calcium-Phosphor - Verhältnis schwanken geringfügig zwischen 1:1 bis 2:1 [2], [4] und 1,5:1 bis 2:1 [5]. Auf jeden Fall sollte im mittelfristigen Durchschnitt mindesten genau so viel Calcium wie Phosphor verfüttert werden. Problematisch ist das bei Amphibien im Zusammenhang mit vielen Futtersorten und Futtertieren, die einen Phosphorüberschuss besitzen, siehe auch Nährwerte.
- Vitamin D3 - Mangel in der Nahrung
Da Amphibien Vitamin D3 nur sehr eingeschränkt oder gar nicht selbst synthetisieren können, muss es direkt mit der Nahrung zugeführt werden. So ist gerade bei Futterzusätzen (Mineralpulver, Vitaminpulver) darauf zu achten, dass nicht das (billigere) Vitamin D verwendet wird, sondern ausschließlich D3. Ist der Vitamin D3 Anteil in der Nahrung zu gering, kann im Dünndarm nicht genügend Calcium absorbiert werden, auch wenn es in theoretisch ausreichender Menge zur Verfügung steht.
- Vitamin A - Überschuss in der Nahrung / Hypervitaminose A
Es ist nachgewiesen, dass zu viel Vitamin A in der Nahrung das Vitamin D3 daran hindert, ein Normallevel an Calcium im Blut aufrecht zu erhalten und dass eine biochemische Interaktion zwischen Vitamin A, D, und den calciumregulierenden Hormonen besteht. [7], [6]. Im Zusammenhang mit einem Überangebot an Vitamin A wurde auch die erste Dokumentation von MBD bei Krallenfröschen nachgewiesen. [1]
Die Empfehlungen für das Vitamin A : Vitamin D3 - Verhältnis unterscheiden sich teils erheblich und reichen von 10 : 1 [2], also der zehnfachen Menge an Vitamin A im Verhältnis zu Vitamin D3 bis hin zu 1 : 1 bei Geckos [9] Speziell für Amphibien entwickelte Supplemente, wie beispielsweise Herpetal Amphib, beachten diese Vorgabe.
Schlussfolgerungen / Empfehlungen
Um stoffwechselbedingten Knochenerkrankungen vorzubeugen, sollte der Amphibienhalter gut auf die Ernährung seiner Tiere achten. Zusammenfassend können derzeit folgende Empfehlungen gegeben werden:
- Generell ist zu sagen, dass eine Fütterung möglichst abwechslungsreich sein sollte und dem natürlichen Nahrungsspektrum der Tiere möglichst nah kommen sollte. Hierzu gehört ein großer Anteil an frischem Lebendfutter.
- Futtermittel sollten im Durchschnitt ausreichend Calcium enthalten. So sollte beispielsweise Fisch am besten in Form von ganzen Futterfischen (mit Gräten, lebend oder tot) verabreicht werden.
- Das Ca : Po - Verhältnis sollte mindestens 1 : 1 betragen, 2 : 1 oder höher ist generell besser.
- Das Verhältnis von Vitamin A zu Vitamin D3 sollte maximal 10:1 betragen. Bei Futtertieren lässt sich dieses Verhältnis durch eine entsprechende Vorab-Fütterung beeinflussen (Futter mit wenig Vitamin A), künstliche Futtermittel sollten entsprechend der ausgewiesenen Inhaltsstoffe ausgesucht werden.
- Es empfiehlt sich, Futtertiere vor der Verfütterung aufzuwerten, entweder durch Bestäuben oder durch sogenanntes "gut loading", also eine entsprechende Fütterung.
- Eventuell eingesetzte Zusatzstoffe und Supplemente müssen Vitamin D3 enthalten, nicht Vitamin D. Auch hier muss das Vitaminverhältnis beachtet werden!
* Zu Vitamin D: Genau genommen handelt es sich nicht um ein Vitamin, da es vom Körper selbst synthetisiert werden kann. Nähere Erläuterungen finden sich beispielsweise bei Wikipedia.
Quellen:
- Wright, Kevin M., Whitaker, Brent R.. Amphibian Medicine and Captive Husbandry. Krieger Publishing Company, Malabar, 2001.
- Kowalski, Ed; Philadelphia Zoo, Dept. of Herpetology. Metabolic Bone Disease from the Herpetoculturist's Perspective. Internetveröffentlichung.
- Kowalski, Ed; Philadelphia Zoo, Dept. of Herpetology. Nutrition for Amphibians and Reptiles in Captivity. Unveröffentlicht; persönliche Kommunikation.
- Delport, Renier. Metabolic Bone Disease (MBD) In Reptiles & Amphibians. Internetveröffentlichung 2005.
- Wissman, Margaret A. Metabolic Bone Disease. Internetveröffentlichung 2006.
- Penniston, Kristina L., Tanumihardjo, Sherry A.. The acute and toxic effects of Vitamin A1-4. The American Journal of Clinical Nutrition 2006.
- Forsmo, S. et. al. Childhood Cod Liver Oil Consumption and Bone Mineral Density in a Population-based Cohort of Peri- and Postmenopausal Women. The Nord-Troendelag Health Study. American Journal of Epidemiology, Vol. 167, No. 4 2007.
- Deutsche Gesellschaft für Nährstoffmedizin und Prävention (DGNP) e. V., Vitalstoff-Lexikon
- Bartlett, Richard D. Geckos - A Complete Owners Manual. Barron's Educational Series, 1995

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